Kopfschmerzen aushalten mit Christoph Wenzel


Hochspannungs-Idylle: Ein Waldweg irgendwo in Nordrhein-Westfalen

Heimatlyrik? Also damit will man ja erstmal nichts zu tun haben, so ein klebriger Begriff. Was sollte dann also an diesem Heftchen aus der „Edition Haus Nottbeck“, die sich als „Forum für Poesie in Westfalen“ versteht, auch nur in irgendeiner Form interessant sein für urbane, gegenwartsorientierte Leser?

Kurz gesagt: Eine ganze Menge. Aber der Reihe nach. Christoph Wenzel, ausgezeichnet bei der Lesung um dem renommierten Lyrikpreis Meran, Zeitschriftenherausgeber, Verleger, ist kein Wald- und Wiesenpoet. Und er macht sich in weg vom fenster ein ernstzunehmenes Bild von Nordrhein-Westfalen, dem wohl widersprüchlichsten aller Bundesländer, und seinen Regionen, insbesondere dem Ruhrgebiet.

Einige wenige der Gedichte in dem schmalen Band kennt man bereits aus Wenzels Lyrikdebüt tagebrüche, so etwa das mit dem etwas kryptischen Titel THTR. Hier geht es nicht um Science Fiction, sondern, sehr viel profaner, um den Kühlturm des ehemaligen Kernkraftwerks im Stadtgebiet von Hamm-Uentrop: „dieser tage zu hause gibt es gemüse in dosen/von bonduelle und becquerel in den wiesen.“ Das Miteinander von Bohnen und Becquerel, der Messeinheit für Radioaktivität, ist prägend für die Herangehensweise dieser Lyrik, in den Blick gerät das, was man vielleicht Heimat nennen könnte. Aber es ist eine Heimat fernab jeder Idylle, wortwörtlich: kontaminiert. „landschaften/wie kopfschmerzen“, heißt es an anderer Stelle. Kaum zutreffender könnte man ein Land beschreiben, in dem Kühe vor Kühltürmen grasen, Autobahnknoten auf Autobahnknoten folgt und die Sonne dann doch wieder in irgendeinem Feld ohne Handyempfang untergeht.

Gänzlich neu ist in weg vom fenster der Zyklus „das schwarzbuch die farbfotos“, eine Art lyrische Reportage aus der Vergangenheit des Ruhrgebiets, das wie kaum eine andere Region vom industriellen Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen betroffen ist. Eine gewisse Schwere in der Melancholie lässt sich nicht verhehlen, etwa wenn Wenzel die sozialdemokratische Heilsfigur Willy Brandt auftreten lässt („Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!“). Jedes der Gedichte nimmt darüber hinaus eine klare Funktion als Speicher für Dialogsequenzen und dialektale Besonderheiten ein – das ist schön zu lesen und verblasst schnell, wie eben die Bilder in einem alten Fotoalbum. Oft genug überbrückt aber eine trockene Ironie die Kluft zwischen Gestern und Heute und macht sie weniger gefährlich für Sentimentalitäten: „herne und wanne und/nebenan ist wieder einer: weg vom fenster.“

Man kann die Kopfschmerzen ertragen, wenn man Christoph Wenzel durch seine Landschaften folgt. Die Gefahr festzukleben besteht nicht.

Christoph Wenzel: weg vom fenster. Edition Haus Nottbeck, Oelde 2012, 32 Seiten, 5 €

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