Auf einmal ist alles wieder da

Zwischen Sehnen und Verschwinden: Ulrike Almut Sandig und Marlen Pelny unternehmen eine musikalische Reise in den Märzwald und kartografieren das unerforschte Gebiet zwischen Traum und Wirklichkeit.

Märzwald, augenzwinkernd als Dichtung für Freunde der Popmusik betitelt, ist die gelungene Fortführung der künstlerischen Projekte dieser beiden Dichterinnen: Ulrike Almut Sandig trägt ihre Gedichte, zuletzt erschienen in dem Band Dickicht, ohnehin schon mit großem musikalischen Gespür vor, sei es durch bewusstes Heben und Senken der Stimme, Anklänge an ein Kinderlied oder gezielt eingesetztes Ein- und Ausatmen an signifikanten Stellen. Marlen Pelny wiederum veröffentlichte dieses Jahr ihr Soloalbum Fischen, in dem sie Melodie und Text in sensible Popsongs verwandelt.

Auf dem nun erschienenen Album gehen Ulrike Almut Sandig und Marlen Pelny ein im besten Sinne schillersches Vorhaben an: Mit ruhiger Stimme und sanftem Rhythmus vorgetragen, von einer akustischen Gitarre oder einem Loopsound unterlegt, entsteht in diesen Gedichten eine Ahnung von Schönheit, dem ästhetischen Zustand als Ruhepol zwischen allen Empfindungen nicht unähnlich. Klang und Form bilden an den gelungensten Stellen eine untrennbare Einheit, die wie eine Flaschenpost auf ein imaginäres Ziel hinschwimmt und gleichzeitig fest auf literarischem Grund verwurzelt ist: Sehnsucht nach Ferne („in dir die Nadel, die zittert und immer hinzeigt nach Norden“) und Trauer über Verlust („verloren ging mir ein Freund, dem ich weh getan hatte“), die in ganz einfacher Sprache formuliert werden, beschwören eine berückend ursprüngliche Melancholie herauf.

Melancholie in der Form von Wissen um die Unerreichbarkeit einer Sehnsucht oder einen unwiederbringbaren Verlust stellt sich bei fast allen dieser vertonten Gedichte ein. Aber dabei bleibt es nicht: Auch das etwas aus der Mode gekommene romantische Projekt, nämlich die Vereinigung einer in viele Einzelteile zersplitterten Welt, die sich selbst verloren gegangen scheint, wird durch diese Melancholie in Gang gesetzt: In den Gedichten ist, wenn wir sie hören, ja auf einmal alles da, auch das, was verschwunden ist. Das zeigt sich vielleicht am besten im Stück „so habe ich sagen gehört“, das ganz ohne musikalische Elemente auskommt:

hab sagen gehört, es gäb einen Ort
für alle verschwundenen Dinge, wie

die verschiedenen Sorten von Äpfeln
die Clowns und die Götter, darunter

auch jenen guten Gott von Manhattan
Karl-Marx-Stadt und Konstantinopel

Benares und Bombay und die Namen
von zu vielen Braunkohledörfern

befänden sich, so habe ich sagen gehört
in der Mitte des Weißtannenwalds

der jede Schallwelle schluckt. der Ort
wär, so habe ich sagen gehört
auf keiner gültigen Karte verzeichnet.

Dass diese Kunst sich ihrer selbst stets bewusst ist („aber immer diese traurigen, traurigen Gedichte“, spricht es einem an einer Stelle entgegen), macht sie nur noch überzeugender: Ulrike Almut Sandig entwirft gewissermaßen realistische Traumlandschaften, die sich echt anfühlen – und dadurch in der Lage sind, eine greifbare, emotionale Heimat zu bilden. Als Musikstücke rücken diese Gedichte aber noch ein Stück weiter in die flüchtige Gegenwärtigkeit des Pop (und damit ist der augenzwinkernde Untertitel gar nicht so abwegig). Der Märzwald ist nur da, solange der CD-Spieler läuft, und dann, ebenso wie so viele der Dinge, die in ihm passieren – verschwunden.

Ulrike Almut Sandig/Marlen Pelny: Märzwald. Dichtung für die Freunde der Popmusik. Audio-CD, Spielzeit 47 Minuten. Schöffling & Co. 2011, 14,95 €

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