Die perfektionierte Aristotelik


William Faulkners Reiseschreibmaschine (Foto: Gary Bridgman)

Im Handbuch des Nonlinearen Erzählens berichtet Tobias Hülswitt über seine Erfahrungen mit dem Korsakow-Programm, das die Produktion nicht-linear erzählter Filme ermöglicht.

Zum Auftakt der neuen Reihe Literatur bei The Daily Frown, in der Autoren selbst zu Wort kommen sollen, spricht er mit uns über die Evolution des Erzählens und unsere narrativen Gewohnheiten.

Wie bist du eigentlich auf Zygmunt Haupt gekommen? Beim Lesen des Auszugs aus Ein Ring aus Papier habe ich mich plötzlich an ähnliche Leseerlebnisse erinnert, die ich damit in Verbindung bringe. Zum Beispiel Noch einmal für Thukydides von Peter Handke. Aber je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Beispiele fallen einem ein, da würde man dann ganz schnell auch bei Faulkner und Kafka oder sowieso Alfred Döblin landen, der ja als Mediziner seine Dissertation über die „Korsakoffsche Psychose“ geschrieben hat.

Die Verbindung zu Kafka sehe ich eigentlich nicht. Wo siehst du sie genau?

Ich dachte an die Editionslage vom Prozess, dessen Kapitelreihenfolge ja nicht genau festlegbar ist, was kürzlich in einer Hörspielbearbeitung so übernommen wurde, dass man pro Kapitel eine CD aufgenommen hat und diese in beliebiger Folge hören kann. Diese Idee fand ich sehr schön. Bei dem zitierten Buch von Peter Handke gibt es diese Beobachtungsprosa, die auf oft nur zwei Seiten etwa eine Schneeflocke oder einen Baum beschreibt. So hat er das aber davor und danach leider nicht mehr gemacht.

Ja, richtig, die Kapitelreihenfolge vom Prozess stand ursprünglich nicht fest. Das technische lineare Medium Buch hat zur Festlegung gezwungen. Nun kommt das technisch nonlineare digitale Medium und ermöglicht die Darstellung in der beabsichtigten nichtlinearen Form. Das ist ein wunderschönes Beispiel für das, was ich meine, wenn ich sage, dank des Computers können wir die Zettel des Zettelkastens in die Luft werfen und durch die Zettelwolke spazieren, ohne das ein Zettel verloren geht. Das digitale Medium ist die Bindung der Wolke.

Zu Thukydides: Genau, Autoren machen das einmal, dann wenden sie sich wieder den marktgängigen Formen zu, weil diese Beobachtungen nicht belohnt werden. Man bringt ihnen in unserer Kultur Respekt entgegen und versteht sie als Ausweis des Könnens des Autors, der Autorin, aber keine monetäre Wertschätzung. Das gleiche trifft ja auch für die Lyrik zu. Man verstehe mich nicht falsch, ich will nicht lamentieren! Mich interessiert daran, was es über die Denkgewohnheiten und Denkmöglichkeiten unserer Gesellschaft aussagt. Von Peter Handke habe ich nur einmal Die Angst des Tormanns beim Elfmeter angefangen. Da ist ja schon der Titel verkehrt, denn der Tormann hat beim Elfmeter keine Angst, sondern nur der Schütze. Das Buch fand ich dann allerdings spitze, bis zu der Stelle, an der klar wird, dass die Hauptfigur jemanden umgebracht hat. Da habe ich das Buch direkt in die Ecke gepfeffert: Aha, doch nur ein Trick, um einem wieder etwas Unerhörtes unterzujubeln, eine Kuriosität. Besonders fies, wenn es so gut begonnen hat. So etwas findet man bei Haupt nicht. Da wird nichts untergejubelt, keine literarischen Überwältigungsstrategien werden gefahren. Und doch gibt es ein Feuerwerk, ein Feuerwerk an Dingen, an erinnerten Details, an vergehender Welt. Das ist viel berührender als alle schönen Stories aller Zeiten zusammen.

Der Aufbau und der Rhythmus der Erzählung machten mir Spaß, aber gleichzeitig wurde ich mißtrauisch. Das ist nicht das Leben, dachte ich. Das ist nicht die Wahrheit. Das Leben kann nicht eine fortlaufende Kette schön komponierter Phrasen sein, das wäre zu einfach und sicher auch zu langweilig, das Leben ist nicht eine Reihe von Ursachen und Folgen, eine Serie von Prämissen, aus denen hübsche runde Schlußfolgerungen entstehen, es ist auch kein Material, das einer bestimmten Funktion dient und auch nicht eine Art Monogramm.

(Zygmunt Haupt: Ein Ring aus Papier)

Auf Haupt bin ich durch Andrzej Stasiuk gestoßen, wenn ich mich recht erinnere, oder zufällig, ich weiß es nicht mehr.

Vielleicht ist ja das non-lineare Erzählen sogar so alt wie das Erzählen selbst, wenn man etwa an Laurence Sterne denkt.

So ist es. Aristoteles disst es bereits in seiner Poetik: Episoden und Geschichten, die sich unzusammenhängend um einen Helden organisieren, zum Beispiel Herakles, hält für das Schlechteste, was Erzählung hervorbringen kann. HBO mit seinen Serien wäre bei ihm durchgefallen.

Du sagst aber doch in deinem Buch, alle Drehbuchautoren in Hollywood seien knallharte Aristoteliker. Aber da muss man wieder zwischen Erzählen im Kinofilm und seriellem Erzählen unterscheiden, oder?

Klar, serielles Erzählen ist TV, Sender wie HBO. Es kommt darauf an, wo man die Kritik ansetzt. Arbeiten Serien auch mit den Techniken des Fesselns, Bannens, Mitreißens? Natürlich. Arbeiten Sie mit Figuren, die Menschen repräsentieren sollen? Klar. Bauen Sie Illusion auf, ohne ihre Konstruktion zu zeigen? Selbstverständlich. Wenn man also Fundamentalkritik betreiben will, könnte man sie ideologisch auseinandernehmen. Aber auf die gleiche Weise könnte man den Ulysses auseinandernehmen. Allein schon wegen dem Problem der Repräsentanz. Aber trotzdem bieten Serien oft ein anderes Bild der Realität, ein zugleich verwobeneres, was die Handlung betrifft, und entzerrteres, was das Vergehen der Zeit betrifft. Das ist der technischen Grundlage geschuldet. Der Film kommt in seinen 90 oder 120 Minuten, wenn er linear erzählt sein will, zwangsläufig auf die perfektionierte Aristotelik zurück.

Die Fabel des Stücks ist nicht schon dann – wie eine einige meinen – eine Einheit, wenn sie sich um einen einzigen Helden dreht. Denn diesem einen stößt undendlich vieles zu, woraus keinerlei Einheit hervorgeht. So fürht der eine auch vielerlei Handlungen aus, ohne daß sich daraus eine einheitliche Handlung ergibt. Daher haben offenbar alle die Dichter ihre Sache verkehrt gemacht, die eine Herakleïs, eine Theseïs und derlei Werke gedichtet haben.

(Aristoteles: Poetik)

Die Serie muss das nicht, sie kann sich bestimmter Elemente der Hollywoodlehre bedienen, ist ihr aber nicht sklavisch unterworfen. Man muss bei all dem natürlich sagen: Die Leute scheinen das lineare Kino, zum Beispiel, ja aber zu mögen! Sie gehen hin und konsumieren es wie wild. Die können ja nicht alle dumm sein. Und es setzt sich eben das durch, was gewollt wird. Und das stimmt zu Teil. Andererseits wissen wir, dass nicht nur die Konsumentenseite das Angebot bestimmt. Wenn wir heute beispielsweise ein vollelektrisches Auto kaufen wollen, das 200 km/h fahren kann – schwierig, weil es kaum im Angebot sein wird. Und weil die Infrastruktur weitgehend auf Verbrennungsmotoren ausgelegt ist, die wir kaufen sollen, damit wir die fossilen Brennstoffe konsumieren, die die Anbieter uns verkaufen wollen. Bei der Erzählung ist natürlich schwieriger zu bestimmen, auf welche Weise die Produzenten uns eine wirtschaftliche Infrastruktur aufzwingen. Aber der Autor Christian Salmon zeigt zumindest, wie das Storytelling auf vielfache Weise von Politik und Wirtschaft genutzt wird. Auch wenn sich das sicherlich zum allergrößten Teil unbewusst abspielt, profitieren sehr viele Leute von unseren simplizistischen narrativen Gewohnheiten.

Obwohl, der extreme Erfolg dieser Serien hätte Aristoteles vermutlich umgestimmt, denn man muss annehmen, dass er sein Urteil ausgehend vom Applaus im Theater entwickelte: Seine Poetik ist eine Überlegung, was die Gründe für den meisten Applaus sein könnten. Und die Gründe, die er findet, erhebt er zur Norm. Man könnte grob vereinfachend sagen, das nonlineare Erzählen wurde im Laufe der Evolution des Erzählens zurückgedrängt. Im Filmischen noch radikaler als in der Literatur, wo es nie ganz auszumerzen war, weil der Roman an sich näher am Denken ist und das Denken große Reserven des Nichtlinearen enthält. Im Moment, nicht zuletzt durch die Emergenz des Computers, erleben wir eine Renaissance des Nichtlinearen. Ich bin allerdings gar nicht dafür, dass nun das Lineare zurückgedrängt werden soll. Ich votiere für eine Geschichtenvielfalt, story diversity, auch wenn mir selbst die nichtlinearen Formen näher sind. Eine Kultur, die über viele Formen des Erzählens verfügt, verfügt über viele Denkweisen und ist eher in der Lage, Lösungen für drängende Probleme zu finden. Angesichts der Klimakatastrophe ist das notwendiger denn je. Ich glaube allerdings, dass wir gerade jetzt mehr nichtlineares Erzählen brauchen, weil wir durch lineare narrative Strukturen, also grob gesagt durch Stories, beständig Denkmuster reproduzieren und verfestigen, die mit zu vielen Simplifizierungen und Reduktionen arbeiten, um unserem Denken zu mehr Komplexität zu verhelfen, antagonistisches und konfliktorientiertes Denken aufzubrechen und den Menschen wirklich weiterzubringen. Wir müssen heute Anteile unserer Natur stimulieren, die uns helfen, diejenigen aggressiven Anteile zu dimmen, die uns bisher als Spezies so erfolgreich gemacht haben.

Filmisches Erzählen, also Schnitt- und Montagetechniken findet man ja gerade bei Berlin Alexanderplatz durchgehend als erzählerisches Mittel angewendet. Der Roman ist heute zwar ein Klassiker, gilt aber immer noch als „schwierig“, „experimentell“ oder Avantgarde-Literatur. Warum setzt sich das geradeheraus Erzählte immer noch besser durch?

Weil es unsere Sinne sozusagen genau an der Stelle krault, an der sie am allerliebsten gekrault werden. Sie werden dabei nicht überfordert, und es wird ihnen alles genauso vorgesetzt, wie sie am besten verarbeiten können: niedrigkomplex, reduziert, einer höheren Ordnung – der Dramaturgie – gehorchend. Dass alles, was in der Erzählung geschieht, mag es noch so grausam sein, in der höheren Ordnung der Dramaturgie aufgehoben ist, beruhigt uns zudem enorm. Denn genau das teilt uns jede lineare Erzählung permanent mit: Keine Angst, hinter all dem, was du hier siehst, steckt ein Plan. Das ist natürlich eine metaphysische Beruhigungspille, also pure Religion.

Besonders interessant fand ich die Aussagen von mehreren Personen in deinem Buch, die ihr deterministisch durchgeplantes Leben zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr ertragen haben. Das ist doch genau die Anknüpfung zwischen Literatur und Leben, wo zum Beispiel Döblin das Chaos abbildet, anstatt durch Erzählen eine künstliche Kausalität herzustellen. Er vermischt Schlager, Straßenpalaver und inneren Monolog derartig, dass es ein Traum ist! Den Wallenstein dagegen finde ich nahezu unlesbar, weil er sprachlich total ausufert und – wahrscheinlich in voller Absicht – den Faden völlig fallen lässt.

Ich behaupte, dass das Bedürfnis nach linearem Leben sich in dem nach linearen Geschichten spiegelt und umgekehrt, dass sie sich gegenseitig anspornen und in einem ewigen Kreislauf bestätigen. Man muss allerdings vorsichtig sein: Ein nichtlineares Leben kann genauso im Sinne des Systems sein, namentlich des neoliberalen, das Menschen ohne feste Bindungen, Traditionen, Verwurzelungen bevorzugt und sich die Hände reibt, wenn Arbeitnehmer Hyperflexibilität entwickeln. Das Nichtlineare darf nicht zum völligen Verlust von Widerständigkeit führen.

Ich würde vorschlagen, so wie alle auf den „großen Wenderoman“ gewartet haben, könnten wir ja nun auf den „großen non-linearen Roman“ warten. Wie stehen die Chancen?

Gut! Ich wette, dass der erste wirklich nichtlineare massenfähige solche Roman innerhalb der nächsten zehn Jahre auf dem Ladentisch liegt.

Tobias Hülswitt wurde 1973 geboren und veröffentlichte mehrere Romane, darunter Dinge bei Licht, Der kleine Herr Mister und Saga. Zusammen mit Florian Thalhofer gründete er das Korsakow Institut für Nonlineare Erzählkultur, dem er bis 2010 angehörte. Im selben Jahr erschien der Band Werden wir ewig leben?: Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie bei Suhrkamp. Das Handbuch des Nonlinearen Erzählens ist in der Edition Pächterhaus erschienen, hat 112 Seiten und kostet 8 €.

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