Radetzkymarsch für alle!


Eine kurze Recherche förderte nicht weniger als acht derzeit greifbare „Radetzkymarsch“-Ausgaben zutage – da darf die Wahl schon einmal schwerfallen.

Das Jahr 2010 ist schon wieder halb rum – trotzdem sollte ein kleiner Hinweis auf zwei große Autoren, die dieses Jahr ihren Eintritt in die Gemeinfreiheit vollzogen haben, an dieser Stelle nicht fehlen.

„Sigmund Freud und Joseph Roth vom Urheberrecht befreit“ jubelte Telepolis schön böse schon am 5. Januar. Und in der Tat war beispielsweise beim Projekt Gutenberg mit sofortiger Wirkung der komplette Joseph Roth und ein erklecklicher Teil von Sigmund Freuds Schriften zum Lesen freigegeben. Wer weiterhin gedrucktes Wort für bare Münze hält, also verlegt und liest, hat nun auch viel zu tun: die wie Pilze aus dem Boden schießenden Werkausgaben (um der Einfachheit halber bei Joseph Roth zu bleiben) bei KiWi (Hausverlag), Diogenes, Reclam und Insel, die wohl offenbar alle ihre fertigen Buchblöcke schon vorgehalten hatten, füllen Regalmeter um Regalmeter, der Leser hat die Qual der Wahl. Und weil es einfach so schön zu lesen ist, hier noch ein Zitat aus dem neuerlich befreiten „Radetzkymarsch“, der derzeit in nicht weniger als acht Ausgaben greifbar ist:

Als hätte man ihm sein eigenes Leben gegen ein fremdes, neues, in einer Werkstatt angefertigtes vertauscht, wiederholte er sich jede Nacht vor dem Einschlafen und jeden Morgen nach dem Erwachen seinen neuen Rang und seinen neuen Stand, trat vor den Spiegel und bestätigte sich, daß sein Angesicht das alte war. Zwischen der linkischen Vertraulichkeit, mit der seine Kameraden den Abstand zu überwinden versuchten, den das unbegreifliche Schicksal plötzlich zwischen ihn und sie gelegt hatte, und seinen eigenen vergeblichen Bemühungen, aller Welt mit der gewohnten Unbefangenheit entgegenzutreten, schien der geadelte Hauptmann Trotta das Gleichgewicht zu verlieren, und ihm war, als wäre er von nun ab sein Leben lang verurteilt, in fremden Stiefeln auf einem glatten Boden zu wandeln, von unheimlichen Reden verfolgt und von scheuen Blicken erwartet.

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