Ich schlief, als wäre ich woanders

Ulrike Almut Sandig erzählt Geschichten, die verwundern, verstören und bis ins Zentrum der Poesie reichen.

Ein Leben, das rückwärts aufgerollt wird. Ein Zwillingspaar, das im selben Körper geboren wurde. Eine Liebesgeschichte, die in einem versunkenen Dorf endet. Eine Schwester, die immmer dünner wird, ein Vater, der langsam versteinert.

Ulrike Almut Sandigs Erzählungen, die jetzt im Schöffling Verlag erschienen sind, sprudeln vor Phantasie. Die junge Autorin machte bislang vor allem durch ihre träumerische Lyrik auf sich aufmerksam. Doch das harmlose Bild täuscht: fast alle der elf in „Flamingos“ versammelten Geschichten haben einen Hang zur Verstörung, Widerhaken, die eine wiederholte Lektüre nötig machen. Diese Widerhaken sind indes keine Extravaganzen, vielmehr Ausdruck eines strukturellen Grundprinzips: der Kubaner mit den elf Zehen, der seltsame Junge, der sich aus der Dorfwelt in die Pferdekoppel zurückzieht, die ältere Dame Dorothea Kupič, der ein drittes Auge auf der Stirn wächst – Ulrike Almut Sandigs Welt ist voll von Außenseitern, buchstäblich Freaks, die sich von ihrer Umwelt unterscheiden. Dass viele der Figuren gleichzeitig Kinder oder Jugendliche sind, ist kein Zufall: der undefinierte Zustand des Heranwachsenden ist naturgemäß voller Rätsel.

Am gelungensten jedoch ist in diesem Band die letzte Geschichte zu nennen, die weitgehend ohne verzerrende Effekte auskommt: in „Dreitausend Blauwale“ wird eine Fahrt im Schulbus beschrieben, eine ungenügende Realität, aus der sich das erzählende Ich hinwegträumt:

…dann machte ich die Augen zu und dachte an nichts. Ich habe oft an nichts gedacht in diesem Bus. Es gab keinen Grund, an etwas anderes zu denken. Was hätte das auch sein sollen. Nichts. Und dann schlief ich ein, schlief, als wäre ich gar nicht da. Ich schlief, als wäre ich woanders.

Aus diesem poetischen Urmoment stammen Ulrike Almut Sandigs Geschichten, versammelt in einem wundersamen kleinen Buch mit gar nicht so harmlosen Untiefen.

Ulrike Almut Sandig: Flamingos. Geschichten. Schöffling & Co., 176 Seiten, 17,90 €

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Ein Kommentar zu “Ich schlief, als wäre ich woanders

  1. Macht Lust aufs Lesen! Auch ein nettes Bild der Autorin. Sie schaut so verstörend, wie ihre Geschichten es anscheinend sind. Warum haben eigentlich oft die besten unter den jungen Autoren die ungewöhnlichsten Namen? Almut Sandig? Carl-Christian Elze? Lino Wirag?

    p.s. du hast den Eintrag zweimal gepostet

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