Franz Kafka laust der Affe: Eine Partie mit Rotpeter


„Le3 0-0 oder Sb3 Le6?“ – Welches ist der feinere Zug? (Giulio Campi: „Das Schachspiel“, etwa 1553)

Jeder kennt sie, kaum einer versteht sie: Die Schach-Ecke in der Zeitung. Mit kryptischen Anweisungen wie „Le3 0-0, Sb3 Le6“ und Schlimmerem scheint sie in einem Paralleluniversum beheimatet, das für Außenstehende (zu denen sich auch die Daily-Frown-Redaktion zählt) nahezu hermetisch abgeriegelt ist.

Der Wiener Standard hat es nun geschafft: in der letztrigen Wochenend-Ausgabe war das Zeitungs-Schach mit einem gewissen Kniff versehen, der diese Rubrik tatsächlich auch für Fachfremde urbar, oder zumindest zu einem bemerkenswerten Kuriousum* machte. Das Jahr: 1908. Es spielen: Franz Kafka gegen den gebildeten Affen Rotpeter, Hauptperson seiner Erzählung „Bericht für eine Akademie“. Und das klingt so:

1.e4 Kafka (K): Ich dachte, dieses Spiel könnte Sie interessieren. Goethe nennt es einen „Probierstein des Gehirns“. 1… c5 Rotpeter (R): Was heißt! Ich habe Schach schon mit meinem ersten Wärter gespielt, nachdem ich den Schuss abgekriegt hatte und mich erholen musste. Keine uninteressante Anstrengung für einen maroden Affen. Die erste Partie habe ich verloren, dann keine mehr! Sie sind am Zug! 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Le2 K (lacht bitter): Aus einer Komödie kann bei genügender Systematik Wirklichkeit werden. 6… d5 R: Oder aus Wirklichkeit eine Tragödie. Bei uns Affen spielt man 6.Sdb5 7.exd5 K: Jetzt haben Sie einen isolierten Bauern. 7… exd5 R: Isoliert? Was wissen Sie! Ihr Spiel ist doch die Verspottung des Spiels, dieser Bauer ist beweglich, nicht einsam. 8.0-0 Le7 9.le3 0-0 10.Sb3 Le6 11.Sb5 a6 12.S5d4 Te8 13.c3 K: Wissen Sie, das Spielen erhält mich, erhält diese Art von Leben. Damit meine ich natürlich nicht, dass mein Leben besser ist, wenn ich nicht spiele, die Angst lässt mich nicht schlafen. 13… Dc7R: Sind Sie betrunken? Was reden Sie von Angst? Schach ist wie das Leben. 14.h3 K: wie recht Sie haben, ich bin im Leben nicht mehr als ein Bauer im Spiel. 14… Ld6 15. Sc5?! R: Ach, lassen Sie mich mit derlei in Frieden. Sagen Sie das doch Ihrem Vater. Oder schreiben Sie ihm einen Brief. (…)

Über fünf Zeilen hinweg diese fiktive Partie mit ihren frotzelnden Protagonisten aufrechtzuerhalten ist eine Leistung, die den Autoren „ruf&ehn“ glänzend gelungen ist. Weitere Folgen (für nächste Woche angekündigt: Sigmund Freund gegen Sigmund Freud) werden mit Spannung erwartet – auch wenn Codes wie „3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3“ für den Laien nach wie vor im Bereich des Kryptischen verbleiben.

* Nachträglich bemerkter unkorrigierter Fehler, wohl auf übermäßige Beeinträchtigung des Rechtschreibvermögens durch Filmplakate zurückzuführen, die für nicht-„glourreiche“ tarantineske Basterds werben.

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