Granitblöcke in Vinyl gegossen

Led Zeppelin sind eine Legende. Zusammen mit Black Sabbath und Deep Purple gelten sie als Erfinder des Hard Rock und Wegbereiter des Heavy Metal. Die Riffs ihrer besten Songs gehören zum Gemeingut der Popgeschichte, wie an der Weiterverarbeitung durch so undenkbare Bands wie die Beastie Boys und, horribile dictu: sogar Puff Daddys Verwurstung von Kashmir im Stück Come With Me vom Godzilla-Soundtrack deutlich wird.

Aber auch als bekennender Classic-Rock-Fan ist mir das Phänomen dieser Band, die vor über dreißig Jahren ihren Eroberungszug im Sturm startete, noch immer ein Rätsel. Ich lege „Led Zeppelin“ ein, das Debütalbum von 1969. (Die Sache mit den Albentiteln ist ja wohl auch eine eigene Geschichte wert: die ersten drei Alben waren einfach mit dem Namen der Band und römischen Ziffern benannt, das vierte schließlich – der Einfachheit halber mittlerweile als „IV“ bekannt – hatte vier mittelalterlich-alchemistisch anmutende Symbole auf der Hülle stehen, womit die Absonderlichkeit auf die Spitze getrieben wurde.)

Abrissbirnenartige Drums und sägende Gitarren

Track 1 schickt dem Hörer mit seinem wuchtigen Beginn erstmal eine volle Ladung elektrifizierter Rockmusik durch das Nervensystem. Mit einer Spielzeit von 2:46 ist der Wachrüttler Good Times, Bad Times dann recht schnell vorbei, um in der Folge aber erst den Weg für den richtigen Spuk freizumachen: Babe I’m Gonna Leave You (6:41) ist auch im Rückblick noch eines der beeindruckendsten manic-depressive-Epen des ganzen LedZep-Backkatalogs. Wie das jüngste Gericht steigert sich ein unverfängliches Akustik-Gesäusel zu einem wagnerianischen Hard-Rock-Orkan, der das Publikum des ausgehenden Sechziger-Jahrzehnts in Angst und Schrecken versetzt haben muss. Was ist das nur für ein Gesang, den Robert Plant da abliefert, dieses schmerzverzerrte unmenschliche Kreischen, mit Echo-Effekten verfremdet und begraben in den Trümmern, die John Bonhams abrissbirnenartige Drums zurückgelassen haben, um sie von Jimmy Page fein säuberlich, gleichsam wie die Zuhörerohren, mit seiner erbarmungslosen Gitarre zersägen zu lassen? Der nächste 6-Minuten-Ritt You Shook Me gibt uns einen Hinweis auf die Herkunft dieser Rockbastarde. Die noch nie dagewesene Musik von Led Zeppelin, die sich offenbar selbst geboren haben, fußt auf dem Blues der Alten. Das Schema: simple drei Akkorde; das lyrische Thema: natürlich das Ewig-Weibliche („You shook me all night long, baby“). Durch den Verstärker gejagt, wird hier ein monströses Urvieh losgelassen, das sich langsam rumpelnd im Klang der Schweineorgel wälzt.

Der Rückgriff auf den Blues war natürlich alles andere als eine neue Idee, war er doch in den Sechzigern der sogenannte „Retrosound“, den die Sechziger wohl heute für uns darstellen. John Mayalls Bluesbreakers, Eric Claptons Cream, Jeff Beck, Eric Burdons Animals, die frühen (!) Fleetwood Mac und natürlich die Stones und The Who und etwas unbekanntere Bands wie die gelegentlich als – siehe da! – „Led Zeppelin für Arme“ geschmähten Humble Pie (mit Peter „Baby I Love Your Way“ Frampton in seinen wilderen Jahren) bedienten sich – übrigens, ein für die Kulturwissenschaftler pikantes Detail, alle ausnahmslos weiße Engländer – ausgiebig und zum Teil schamlos bei den Blues-Legenden, deren Namen aus einer fremden, schwarzen Welt zu stammen scheinen: Robert Johnson, Lightnin’ Hopkins, Howlin’ Wolf, Big Joe Turner, Elmore James, Jimmy Reed, Slim Harpo, Blind Willie McTell, Billy Boy Grunt usw. Blues war in, aber keiner machte daraus, was Led Zeppelin mit ihrer kompromisslosen Herangehensweise – Aufdrehen was das Zeug hält – zusammenhexten.

Bizarr, umwölkt, rotstichig

Auf dem Backcover von „I“ präsentieren John Bonham, Robert Plant, Jimmy Page und John Paul Jones ihre Konterfeis in einem verwaschenen Rotstich und scheinen von Wolken umgeben. Das öffentliche Auftreten der vier muss auch eine sonderbare Erscheinung gewesen sein: kaum Interviews, keine Kommentare zu den Platten – sie sind einfach da, Granitblöcke in Vinyl gegossen, wie der bizarre schwarze Monolith aus Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“, der passenderweise 1968 in die Kinos kam. Kaum überraschend, dass eigentlich in diesem Bandkosmos nicht viel Raum für Weiterentwicklung vorhanden war. Auf dem Weg zum Stairway to Heaven (1971) machen sich verstärkt Folk- und Mythologie-Einflüsse bemerkbar (Plant ist ausgewiesener Tolkienverehrer), die den Sound stellenweise aufweichten, aber das hermetisch-undurchdringliche Bild, das die Band von sich selbst geschaffen hatte, nicht auflösten – ganz im Gegenteil. In der Phase nach den selbstbetitelten Releases sticht neben „Houses of the Holy“ (Reggae-Experiment: D’Yer Mak’er) vielleicht am ehesten „Presence“ noch einmal hervor (VÖ: 1976). Mit dem Opener Achilles Last Stand, der die magische Zehn-Minuten-Grenze überschreitet, wird ein Heavy-Metal-Stück wie aus dem Lehrbuch geboten, das die Ingredienzien Fantasy und E-Gitarren-Improvisation noch einmal meisterhaft miteinander vermischt.

Was bleibt, außer der postmodernen Spielereien der oben schon genannten Beastie Boys („Licensed To Ill“ beschränkt sich ja schließlich doch nur auf das „Wir klauen ein Sample von Led Zeppelin und bauen es in unseren Track ein“), ist ein Einfluss, der gerade dieser Tage wieder deutlich wird. Am 11. Oktober spielten Neuseelands Garagenrocker The Datsuns mal wieder in München auf. Vielleicht vermitteln sie mir als Nachgeborenem einen Eindruck, wie Led Zeppelin auf das Publikum der Sechziger gewirkt haben müssen: vier schmächtige Jungs mit schulterlangen Haaren und Röhrenjeans malträtieren ihre Instrumente bis zum Schweißausbruch, und wie Sänger Dolf seine kreischende Tonlage über die Dauer des Konzerts aufrecht erhalten konnte, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben. Überflüssig die Bemerkung, dass kein Geringerer als John Paul Jones es sich nicht nehmen ließ, das zweite Album „Outta Sight/Outta Mind“ mit einer Menge Feuer unterm Arsch zu produzieren. Ganz anders hingegen eine noch recht neue Band aus Dallas, Texas: The Secret Machines. Sie berufen sich auf Pink Floyd und haben auch dem ein oder anderen New-Wave-Einfluss stattgegeben, beschäftigen aber einen Schlagzeuger, der bei John Bonham in die Lehre gegangen sein muss. First Wave Intact vom Debütalbum „Now Here is Nowhere“ wäre hier der Anspieltipp – da bekommt der altmodische Schlachtruf „Schlagzeugsolo!“ wieder Auftrieb.

Man sieht: der Bombast, der schon 1969 zu bestaunen war, hat eine erstaunlich lange Halbwertszeit. Das bleierne Zeppelin fliegt noch immer durch die Musikgeschichte, und vielleicht braucht es dafür einfach nur einen abgedrehten Tolkienfan und ein paar Wahnsinnige an den Saiten und der Schießbude, die auch den letzten Saft aus den Verstärkern quetschen und eine Messlatte erfinden, die gar nicht hoch genug gelegt werden kann. Oder es ist doch Hexerei im Spiel.

Dieser Artikel erschien zuerst als Gastbeitrag bei www.rockembassy.de.

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Ein Kommentar zu “Granitblöcke in Vinyl gegossen

  1. Hallo,als – wie Sie sich vielleicht erinnern – ‚Überlebender‘ der 60erJahre hätte ich gute Gründe zu sagen:Zeppelins Prinzip ‚Was man nicht mehr verfeinern kann, muss man vergröbern‘, dieses Prinzip hat sich überlebt – zumal Bonham jaseit langem in anderen Gefilden trommelt. Hat sich aber nicht überlebt. Hören Sie doch mal ‚Vanilla Fudges‘ kürzlich erschienene Coverversionen von Zeppelin – Songs.Sie sind nicht alle gleichermassen gelungen, aber die Mischung des alten Zeppelin – Brutalo – Drives und des neu – alten Progrock – Rezepts funktioniert.Daneben könnenviele Newcomer nur die Gnade derspäten Geburt reklamieren ( schadeeigentlich )Gruß von Düsseldorf nach MünchenGisbert Horn

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