Von performativer Poesie und Kollektivsubjekten

Bob Dylan 1975
Lässt sich nicht gern in die Karten schauen: Bob Dylan, Rolling Thunder Tour 1975.

Heinrich Detering untersucht das Popkultur-Phänomen Bob Dylan und stellt dabei allerlei akademische Überlegungen an.

Fürs Reclamformat wurde der „Kosmos“ Dylan (Tom Waits) auf 175 Seiten eingedampft, in 16 chronologische Einheiten zerlegt (plus Disko-, Biblio- und Filmographie) und zwischen zwei gelbe Deckel gezwängt.
Ob man so etwas lesen muss? Zu oft schon, scheint es, wurde das Leben des song and danceman rauf- und runtererzählt, zumal auch im deutschen Sprachraum; hervorzuheben ist hier Willi Winklers ironisch-lobpreisende Heiligengeschichte „Bob Dylan. Ein Leben“ (Berlin: Alexander Fest Verlag, 2001, 23 €), die, mehr anekdotisch denn auf Vollständigkeit aus, ihr Untersuchungsobjekt und gleichzeitig die Geschichte seiner Apotheose kritisch unter die Lupe nimmt.
Wenn dagegen Detering in der Mitte des Buches auf die „Verschmelzung von performativer Poese mit spezifischen song-Idiomen“ zu sprechen kommt, oder, schlimmer noch, der Folk-Gemeinde „ein sich in der anonymen Überlieferung artikulierendes Kollektivsubjekt namens the people“ unterjubelt, fühlt man sich am anderen Ende der Skala angelangt, wo sich auch intellektuell hochtrabende Titel wie die sozialhistorische Textsammlung „Bringing It All Back Home. Internationaler Bob Dylan-Kongreß“ (Frankfurt: Suhrkamp, 2007, 10 €) tummeln.
Doch ist es zu harsch geurteilt, würde man Heinrich Deterings Buch auf seine akademische Herangehens- und Ausdrucksweise reduzieren. Tatsächlich argumentiert auch er mit einer gewissen Leidenschaft, die den Fan hinter dem Katheder erkennen lässt. Ausgiebig werden Bootlegs diskutiert und mit feuchten Augen Sternstunden (das Royal-Albert-Hall-Konzert) ebenso wie Tiefpunkte (der Beginn der Never Ending Tour) beschrieben. Und auch das ist eine Stärke des Bändchens: kurz und treffsicher charakterisiert Detering Dylan wahlweise als „etwas verwahrlosten Knaben mit der langen und ungekämmten Haartolle“ oder, zur „Empire Burlesque“-Periode, als „angestrengt jugendlichen Yuppie mit Goldkettchen, Leinensakko und blasiertem Blick“.
Turbulent geht es so, mal im akademischen, mal im locker-saloppen Tonfall durch 40 Jahre Musikgeschichte bis ganz in die Gegenwart, zum „Modern Times“-Album und den „Theme Time Radio Hours“, mit denen Dylan im letzten Jahr von sich reden machte.
Detering hat seine Hausaufgaben gemacht und liefert ein gründliches und aktuelles Werk ab, das man nicht unbedingt lesen muss, aber als Nachschlagewerk immer mal wieder gerne zur Hand hat.

Heinrich Detering: Bob Dylan. Stuttgart: Reclam, 2007, 4,80 € (=RUB 18432).

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