the Whassallian Rift. They are twenty thousand.

Spam wird immer kryptischer. Wer viel davon erhält, wird schon gemerkt haben: es häufen sich die Mails mit seltsamen, unverständlichen Texten. An zweiter Stelle folgt dann der typische „Inhalt“: preiswerte Medikamente oder vielversprechende Aktien aus zweifelhaften Quellen.

In einem Artikel des amerikanischen Radios-Netzwerks NPR wird dieses Phänomen als „Spam Goes Literary“ beschrieben: da E-Mails, die z.B. den Begriff „Viagra“ enthalten, immer häufiger durch technisch verbesserte Spamfilter geblockt werden, greifen die Spam-Versender auf eBook-Angebote im Netz zurück, um sich mit „harmlosen“ Inhalten auszustatten.

(…) spammers try to make the text of their e-mails look more like something you’d actually write. [They] mine Web sites that post the full text of books, like Project Gutenberg, which, along with its affiliates, has more than 250,000 books online.

Heraus kommen dann Spam-Mails, die beispielsweise Fetzen einer Sherlock-Holmes-Story enthalten: „If they fire, Watson, have no compunction about shooting them down.“ Noch trickreicher ist aber die im Artikel „Reformulating Paradise Lost“ genannte Methode: Damit jede E-Mail anders aussieht, werden aus der zugrundeliegenden literarischen Textmasse neue Sätze gezimmert, die aus häufig zusammen vorkommenden Worten bestehen:

„‚Half lost on my firmness gains to more glad heart or violent and from forage drives a glimmering of all sun new begun,'“ Graham quotes. „Every pair of words in there actually occurs in Paradise Lost,“ he says.

Spam wird also, zum Ärger der Empfänger, literarisch. Der Treppenwitz ist, dass die Spammer mit dieser Methode wiederum in eine alte literarische Traditionslinie treten – denn letztlich funktioniert das „reformulating“ nicht viel anders als die Techniken der Collage und Pastiche, die bei den Dadaisten und Surrealisten beliebt waren. Zur Illustration hier ein „Gedicht“ des Züricher Dadaisten Tristan Tzara aus dem Jahre 1920.

Um ein dadaistisches Gedicht zu machen.

Nehmt eine Zeitung.
Nehmt Scheren.
Wählt in dieser Zeitung einen Artikel von der Länge aus,
die Ihr Eurem Gedicht zu geben beabsichtigt.
Schneidet den Artikel aus.
Schneidet dann sorgfältig jedes Wort dieses Artikels aus und gebt sie in eine Tüte.
Schüttelt leicht.
Nehmt dann einen Schnipsel nach dem anderen heraus.
Schreibt gewissenhaft ab
in der Reihenfolge, in der sie aus der Tüte gekommen sind.
Das Gedicht wird Euch ähneln.
Und damit seid Ihr ein unendlich origineller Schriftsteller mit einer charmanten,
wenn auch von den Leuten unverstandenen Sensibilität.

(Übersetzung von Pierre Gallissaires)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s