Die Essenz: Bob Dylans Modern Times


The man who can is back

Bob Dylan wurde schon in den Siebzigern gerne mit Charlie Chaplin verglichen. Sein neuestes Album trägt nun den Titel Modern Times, genau wie der 70 Jahre alte Film, in dem Chaplin den kleinen Fließbandarbeiter darstellt, der von einer riesigen Maschine verschluckt wird.

Mindestens soweit zurück geht Dylan mit den zehn neuen Songs, die er mit seiner aktuellen Tourband eingespielt hat. Mit Ausnahme von Love and Theft und den legendären Basement Tapes ist Modern Times wie kein anderes Album durchdrungen vom Sound der ganz alten Jazz-, Blues-, und Folkpioniere. „Thunder on the Mountain“ swingt im „Johnny-B-Goode“-Stil, „Spirit on the Water“ brummt wie eine alte Schellack-Platte, und „Rollin‘ and Tumblin‘“ zitiert nicht nur im Titel Muddy Waters. Der „Workingman‘s Blues #2“ versteht sich ausdrücklich als Fortsetzung eines Merle-Haggard-Songs aus den Sechzigern, und „Nettie Moore“ verweist sogar zurück auf ein Traditional aus dem vorletzten Jahrhundert, während „The Levee‘s Gonna Break“ auf einem Blues basiert, den bereits Led Zeppelin (vor mittlerweile auch schon 35 Jahren) in ihrem IV-Album verarbeiteten. Das ganze Zitieren und die Referenz an den Ur-Blues dahingestellt – aber was ist denn nun das Originelle an Bobs Musik im Allgemeinen und Modern Times im Besonderen? Dazu ein Auszug aus der sehr lesenswerten Rezension von allmusic.com:

Dylan is a folk musician; he uses folk forms such as blues, rock, gospel, and R&B as well as lyrics and licks and/or whatever else he can to get a song across. This tradition of borrowing and retelling goes back to the beginning of song and story (…). It doesn’t make him less; it makes him more because he contains all of these songs, their secret histories, and subtle nuances and labyrinthine legends; and besides, he’s been around long enough to do anything he damn well pleases.

Was uns erzählt wird in diesen zehn Songs ist tatsächlich nicht viel Neues. Fast immer geht es um das Übliche – Frauen, wie man sie erobert, und wie man sie wieder loswird. Im ersten Song sucht Dylan, der 65-jährige Schwerenöter, ganz Tennessee nach Alicia Keys (sic!) ab, auch in „Spirit on the Water“ kommt er nicht umhin es zuzugeben: „I‘m wild about you, gal“. Dann, bei „Rollin‘ and Tumblin‘“, heißt es schon wieder „This woman is so crazy, I swear I ain’t gonna touch on another one for years“.
Dafür gibt es dann im Anschluss ein paar eher materielle („We eat and we drink, we feel and we think“) und geistliche („We all wear the same thorny crown“) Gedanken („When the Deal Goes Down“). Ganz am Ende trumpft der Jokerman, König der Metaphern, noch einmal auf, der sich im epischen „Ain‘t Talkin“ in einem „mystic garden“ wiederfindet und fortan verdammt ist, durch eine „weary world of woe“ zu wandern – with no direction home.

„Bob, der Blues-Mann“, notiert Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung (), „ist, ohne dass wir es bemerkten, ganz und gar schwarz geworden.“ In der Tradition von Love and Theft versenkt er sich noch tiefer in das mythische, das „old, weird America“, wie es Greil Marcus einmal genannt hat. Und was er uns auf diesem Album davon zeigt, ist mit seiner spartanischen Instrumentation und der glasklaren Akustik ein Artefakt, das sich mit aller Kraft gegen die modernen Zeiten sträubt.

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