"Nie hörte sich Sterben vitaler an": Zur Vereinnahmung der Rockmusik durch kirchliche Organe

Seit einigen Wochen liegt in meinem Zimmer schon eine Zeitschrift rum, die ich einmal in der U-Bahn gefunden und aus Kuriositätsgründen aufbewahrt habe. Denn darin befinden sich Musik-Rezensionen zum folgenden Thema:

Die Top 50 der besten christlichen Musik-Klassiker. 50 Stücke, die Christen kennen sollten, erschienen in: „Spektrum – Nachrichten und Meinungen aus der evangelischen Welt“. Leider gibt es, wie uns der Titel glauben macht, keine Rangordnung der 50 Plätze, und so werden wir wohl nie erfahren, ob Xavier Naidoo oder Cliff Richard eine höhere Wertung erfahren als der gute alte „Rockpoet“ Bob Dylan, der mit „Slow Train Coming“ ebenfalls vertreten ist.

Der Jahrhundert-Rockpoet Dylan war schon immer für musikalische Überraschungen gut. Auf „Slow Train Coming“ holte er den schwersten Hammer raus. Mit dem Eifer eines Neubekehrten sang er von Jesus und vom Jüngsten Gericht. Dylan hatte sich entschieden, Jesus zu dienen. In Los Angeles schloß er sich einer charismatischen Vineyard Gemeinde an. (?!?!) Später wollte sich Dylan nicht mehr festlegen, blieb im Ungefähren. „Ich habe nie gesagt, daß ich wiedergeboren bin“, ließ er verlauten. Gleichzeitig bekräftigte er, daß er sowohl das Alte als auch das Neue Testament für wörtlich wahr hielt.

Soviel dazu. Aber das ist nicht alles! Zu der Musik, „die Christen kennen sollten“, zählt Spektrum auch Johnny Cash mit „The Man Comes Around“:

Der größte Countrystar aller Zeiten, 70 Jahre alt, in seinen letzten Zügen. Nie hörte sich Sterben vitaler an – weil hier einer singt, der das Beste vor sich hat. (!!!) Johnny Cash klingt zugleich lebensmüde und ewigkeitshungrig. Auf dem letzten Album, das vor seinem Tod veröffentlich wurde, singt er über die große Liebe, Tod und Gott. Ein zeitloses Alterswerk, das Gänsehaut und feuchte Augen verursacht. Im Titelsong beschwört Cash Bilder vom Jüngsten Tag herauf: „Ein Mann geht herum, der sich Namen notiert / Und er entscheidet, wer freigesprochen und wer angeklagt wird / Nicht alle werden gleichbehandelt werden / eine goldene Leiter wird vom Himmel herunterreichen / Wenn der Mann wieder kommt (sic) // Die Haare werden euch zu Berge stehen / Und jeder Schluck Wasser euch im Halse stecken bleiben / Ihr werdet entweder aus seinem Abendmahlskelch trinken / oder im Boden des Töpfers versinken / Wenn der Mann wieder kommt.“

Am besten hingegen fand ich die Würdigung der altvorderen Run DMC zu „Down with the King“:

(…) Nach drei Erfolgsalben und zwei Mega-Hits kam der Absturz – und die Umkehr. Die katholisch aufgewachsenen Simmons und McDaniels hatten in einer Pfingstkirche ihr Erweckungserlebnis. Simmons tauschte seine goldenen Halsbänder gegen Predigerbäffchen (?) ein und ließ sich zum Pastor, zum „Reverend Run“, ordinieren. Auf ihrem nächsten Album Down with the King gaben sich Run DMC zwar immer noch prahlerisch, aber Selbst- und Gotteslob hielten sich die Waage. Statt geflucht wurde gebetet.

Na denn: Amen, alle miteinander und: „Lob sei Gott, ich habe das Licht gesehen!“ (Hank Williams)

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